Category Archives: Umwelt- und Naturethik

* Biodiversitätsverlust und Artenschwund – die großen Herausforderungen unserer Zeit

(mh) Im Juni 2018 unterzeichneten über 20 Wissenschafttler des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums eine Frankfurter Erklärung, um „die Situation des Biodiversitätsverlustes in Deutschland aus Sicht der Wissenschaft zu bewerten und den Forschungs- und Handlungsbedarf abzuleiten“. Der Biodiversitätsverlust mit seinen zu erwartenden Rückkopplungen sei „eine der größten Herausforderungen für die Menschheit“.

Eine der zentralen Aussagen der Erklärung des renommierten Forschungszentrums lautet: „Der Verlust an biologischer Vielfalt ist ein globales, wissenschaftlich gut belegtes Phänomen. Das aktuelle Artensterben erreicht Verlustraten, wie sie nur von den großen Massenaussterbeereignissen der Erdgeschichte bekannt sind. Dies führt auch zu einem Verlust an Ökosystemleistungen, der weltweit immense volkswirtschaftliche Schäden nach sich zieht. Aktuell wichtigste Treiber des Biodiversitätsrückganges sind der Habitatverlust durch Umnutzung (Waldrodung, Grünlandumbruch), Siedlungen und Verkehrswege, Landschaftsveränderungen und Bodendegradierung, Nähr- und Schadstoffeintrag (z.B. Stickstoff, Phosphat, Pestizide, Herbizide), Übernutzung (Intensivierung), Klimawandel sowie invasive Arten.

Die Abstufung der Ursachen, welche in dieser Erklärung zu Grunde gelegt wird, ist weitgehend deckungsgleich mit aktuellen Daten aus der Roten Liste der IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources), die wiederum im Jahr 2016 auch von der Heinrich-Böll-Stiftung für deren Studie im Themenheft Nr. 3-2016 zur Biologischen Vielfalt verwendet wurden.

Die Studie versucht, vielfältige Ursachen für den alarmierenden Biodiversitätsverlust in Relation zueinander einzuordnen und quantitativ zu bemessen. So geht daraus unter anderem hervor, dass – auch wenn man für mitteleuropäische Lebensräume klimabedingte Arealverschiebungen mit beispielsweise längeren sommerlichen Trockenheitsphasen (Aridisierung) annimmt -,  auf der rein wissenschaftlichen Ebene gesehen werden muss, dass ein Faktor „Klimawandel“ erst an siebter Stelle in der Rangfolge der größten Bedrohungen für die Artenvielfalt erscheint. Die weitaus gravierenderen Faktoren, die den Artenschwund beschleunigen, sind: Übernutzung, Agrarindustrie, Urbanisierung – und damit einhergehend Lebensraumverlust – sowie Arteninvasion und Krankheit, Verschmutzung und Umwelteingriffe.

In Zahlen ausgedrückt: Während die Übernutzung mit daraus resultierender Lebensraumzerstörung bzw. Habitatverlust über 6000 Arten bedroht, gehen gemäß Böll-Stiftung rund 1680 konkrete Bedrohungen der Artenvielfalt auf „Klimawandel“ zurück (klimatische Schwankungen). Umwelteingriffe wiederum betreffen 1860 Arten. (Quelle: Heinrich-Böll-Stiftung, Heft 3-2016, s. Link oben).

In der Frankfurter Erklärung des Senckenberg Forschungszentrums wird diese Abstufung aufgegriffen. Politisch korrekt wird ergänzt „Nachhaltiger Artenschutz setzt auch Klimaschutz voraus“, was grundsätzlich nicht falsch ist, gleichwohl – vgl. IUCN red list sowie Böll-Studie – wissenschaftlich korrekt in eine Rangfolge der Ursachendiskussion eingeordnet werden muss. Zudem sei angemerkt, dass vor allem Anpassungsstrategien zur Adaptation an klimatische Schwankungen eine maßgebliche Bedeutung haben.

Damit sind wir wiederum beim Schutz der Lebensräume, der auch im Sinne der Anpassung an Klimaschwankungen ein das Kurs bestimmende Steuerinstrument gegen den Biodiversitätsverlust sein muss. Denn Habitatschutz ist ein ganz wesentlicher Faktor, um Ökosysteme und Lebensräume mit ihren Biozönosen, also Lebensgemeinschaften, erhalten und stabilisieren zu können. Und ferner auch Biotopvernetzungen und Korridore zu ermöglichen, um räumliche Ausbreitung der Lebensgemeinschaften bei klimabedingten Arealverschiebungen zu gewährleisten.

Also immer wieder zentral: Intakte Lebensräume müssen geschaffen, geschützt und gestärkt werden! – Hierzu sei auch auf die fachlichen Beiträge über „Ökosystembasierte Ansätze zur Klimaanpassung und zum Klimaschutz“ auf der Website des Umweltbundesamts verwiesen sowie auf die Studie Naturkapital Deutschland (TEEB – The Economics of Ecosystems and Biodiversity).

Hieran anknüpfend stellt sich die naturphilosophische Frage, ob ein Eigenwert der Schöpfung überhaupt auf „Naturkapital“ und „Ökosystemleistungen“ reduziert und damit quantifiziert werden sollte. Dies ist eine wesentliche Frage der Umweltethik und generell des Bewusstseins im Kontext der Mensch-Umwelt-Interaktion. Die Aussage, dass man Probleme „niemals mit derselben Denkweise lösen (kann), durch die sie entstanden sind“, wird bekanntlich Albert Einstein zugesprochen. Ist also ein tiefer greifendes Umdenken, ein Bewusstseinswandel, erforderlich, um einer der größten Herausforderungen für die Menschheit zu begegnen? – Fraglos ja!

Und doch: Will man fürs Erste pragmatisch und politisch an konkrete Lösungsschritte gehen, so sind die hier diskutierten Abwägungen und Bewertungen zum höchst problematischen Verlust an biologischer Vielfalt und an Lebensräumen sowie zu dessen Ursachenbekämpfung unausweichlich, um einer der größten Herausforderungen für die Menschheit gegenzulenken.

Kommentar von Michael Hahl M.A., Geograph, 16.08.2018 (parallel publiziert in: Weblog „Mensch – Natur – Bewusstsein“)

* Flächenpotenzial für Windenergie? – Warum quantitative Berechnungen konzeptionell zu kurz greifen

Dr. Wolfgang Epple gilt als Koryphäe des wissenschaftlich versierten Artenschutzes mit naturethischem Tiefgang. In einem – hier nachzulesenden: BBSR 2015 WK Flächenpotenzial Publ Komment Epple – Kurzkommentar zu einer 2015 publizierten Studie „Welcher Raum bleibt für den Ausbau der Windenergie? Analyse des bundesweiten Flächenpotenzials in Deutschland“ zeigt er in knappen Worten auf, wie „schöpfungs- und menschenverachtend“ sich eine rein rechnerische Erfassung potenzieller Windenergieflächen auswirken müsste.

EIn quantitativ und ausschließlich über GIS-Berechnungen ermitteltes Windenergie-Gesamtflächenpotenzial reflektiert widerstreitende Werte wie Biodiversität oder Gesundheitsvorsorge ungenügend. Es fehlt ein qualitatives Konzept, das weitaus tiefer greifen und eine systemische Betrachtungsweise reflektieren müsste. – Unseren Kommentar zur GIS-Studie finden Sie hier: Flächenpotenzialanalyse ohne qualitatives Konzept HAHL022016

Zu Wolfgang Epple und der von ihm ins Feld geführten ethischen Begründung des Naturschutzes finden Sie hier eine darüber hinaus lesenswerte Grundlage.